Was es heisst, sein Kind an einer Freien Schule zu haben

Die wenigsten von uns waren selbst als Kinder an einer Freien Schule.
Das bedeutet:
Wir haben eigentlich keine Ahnung, wie es sich für unser Kind anfühlt und was es braucht, um frei und selbstbestimmt zu lernen.
Unsere gewohnten Handlungsstrategien greifen oft nicht mehr.
Sie sind meist geprägt von Belohnung und Bestrafung.
Davon, dass wir Erwachsenen dem Kind sagen, wie etwas zu funktionieren hat.
Doch genau das funktioniert so nicht – zumindest nicht nachhaltig, wie auch die Hirnforschung zeigt.
Wenn wir unsere Kinder auf diesem Weg begleiten wollen, müssen wir selbst etwas lernen:
Freier zu werden.
Frei von den Begrenzungen unserer eigenen Vergangenheit.
Frei von unseren alten Bildern von Schule und Erziehung.
Was ist eigentlich eine Freie Schule?
Zuerst lohnt sich ein Blick darauf, was eine Freie Schule überhaupt ist.
Genau genommen handelt es sich um eine Privatschule in freier Trägerschaft.
In Deutschland darf eine Privatschule gegründet werden, wenn sie ein besonderes pädagogisches Konzept verfolgt.
Das können zum Beispiel Schulen nach Rudolf Steiner sein oder Montessori-Schulen.
Auch Freie Aktiv Schulen oder Demokratische Schulen gehören in diesen Bereich.
Der Grad der tatsächlichen Freiheit hängt dabei stark vom jeweiligen Konzept und vom Träger der Schule ab.
So gesehen ist jede Freie Schule ein wenig anders.
Ich gehe hier davon aus, dass die Ideen der Reformpädagogik eine wichtige Rolle spielen und dass die Menschen an der Schule einander auf Augenhöhe begegnen:
Eltern
Lernbegleiter
Schüler
Und dass die persönliche Beziehung zwischen den Menschen die Grundlage bildet.
Rahmenbedingungen
Wenn dein Kind eine solche Schule besucht, gibt es einige Rahmenbedingungen.
Zum Beispiel:
Schulgeld
Elternbeteiligung
oft keine Hausaufgaben
oft keine klassischen Noten
Viele Freie Schulen sind kleiner.
Sie können Kinder individueller begleiten und ihren Interessen mehr Raum geben.
Was genau das im Alltag bedeutet, unterscheidet sich allerdings von Bundesland zu Bundesland und von Schule zu Schule.
Darauf möchte ich hier nicht im Detail eingehen.
Wenn du dazu Fragen hast, freue ich mich über eine Nachricht.
Ein anderer Umgang miteinander
Der Umgang der Menschen miteinander ist an einer Freien Schule meist ein anderer – oder sollte es zumindest sein.
Die Lehrer werden dort häufig Lernbegleiter genannt.
Und genau das beschreibt ihre Aufgabe ziemlich gut.
Sie begegnen den Kindern zugewandt und auf Augenhöhe.
Die Schülerinnen und Schüler übernehmen – in einem passenden Maß – Verantwortung für ihr eigenes Lernen.
Die Lernbegleiter schaffen eine Umgebung, die die Interessen der Kinder aufgreift und ihrem natürlichen Forscherdrang Raum gibt.
So wie es auch Gerald Hüther beschreibt:
Kinder haben ein unstillbares Verlangen nach Wissen und Erfahrung.
Und Wissen entsteht am stärksten durch eigene Erfahrungen.
Eine Herausforderung für Kinder
Diese Form des Lernens stellt Kinder allerdings auch vor Herausforderungen.
Besonders Kinder, die es von Zuhause gewohnt sind, dass ihnen alles gesagt und vorgeschrieben wird, tun sich anfangs oft schwer damit.
Plötzlich sollen sie selbst Entscheidungen treffen.
Plötzlich sollen sie Verantwortung übernehmen.
Das kann zunächst ungewohnt sein.
Und auch für Eltern
Manchmal stellt das sogar die Eltern vor Herausforderungen.
Ich habe schon Eltern erlebt, denen ihre Kinder plötzlich zu selbstständig wurden.
Denn Kinder, die lernen, Verantwortung für ihr eigenes Lernen zu übernehmen, stellen irgendwann auch zuhause Fragen.
Sie wollen nicht mehr einfach nur Anweisungen folgen.
Sie möchten mitentscheiden.
Nicht nur in der Schule, sondern auch in ihrem Zuhause.
Erziehung auf Augenhöhe
Spätestens hier wird ein Thema sehr wichtig:
Erziehung auf Augenhöhe.
Wenn du diesen Weg nicht ohnehin schon gehst, lohnt es sich sehr, dich damit zu beschäftigen.
Während der Jahre an einer Freien Schule werden in vielen Eltern alte Erfahrungen und Verletzungen berührt.
Das kann herausfordernd sein.
Doch genau darin liegt auch eine große Chance.
Wenn du dir die Zeit nimmst, diese Themen anzuschauen und zu heilen, verändert sich oft nicht nur die Beziehung zu deinem Kind.
Sondern auch dein eigener Blick auf dich selbst.
Was dich erwarten kann
Und dann gibt es noch eine andere Seite.
Kinder, die auf diese Weise lernen dürfen, überraschen uns immer wieder.
Mit ihren Entdeckungen.
Mit ihren Fragen.
Mit Entwicklungen, die wir so vielleicht gar nicht erwartet hätten.
Es entstehen starke Kinder.
Kinder, die wissen, was sie können.
Kinder, die ihre Grenzen kennen.
Kinder, die achtsam durch die Welt gehen.
Und manchmal lernen wir als Eltern dabei mindestens genauso viel wie unsere Kinder.