Naturverbundenheit beginnt mit innerer Haltung

Wenn ich an meine Zeit im Waldkindergarten zurückdenke, dann fallen mir nicht zuerst die großen Projekte ein, sondern eher diese kleinen Situationen, die im Alltag manchmal fast untergehen. Ein Kind bleibt plötzlich stehen, weil es etwas gehört hat. Ein anderes entdeckt eine Spur im Boden und vergisst für einen Moment alles um sich herum. Wieder ein anderes steht vor einem umgestürzten Baum, beobachtet erst einmal, wie die anderen hinüberklettern, und überlegt offensichtlich, ob es sich das selbst zutraut.

Für Erwachsene wirken solche Situationen oft unspektakulär. Wir sind mit der Gruppe unterwegs, haben ein Ziel im Kopf oder möchten einfach weiter. Dabei können genau diese Augenblicke für ein Kind wichtig werden, weil es in ihnen nicht nur den Wald erlebt, sondern auch sich selbst.

Nach vielen Jahren im Waldkindergarten habe ich immer deutlicher gesehen, wie unterschiedlich Kinder dieselbe Umgebung wahrnehmen. Manche Kinder sind vom ersten Moment an mitten im Geschehen. Sie laufen los, klettern, graben, fassen Käfer an und verschwinden beinahe im Unterholz, wenn man nicht aufpasst. Andere beobachten erst einmal länger. Sie hören Geräusche, die wir Erwachsenen vielleicht gar nicht bewusst wahrnehmen, reagieren stärker auf Nässe oder Kälte oder brauchen Zeit, bevor sie sich auf etwas Neues einlassen.

Früher hätte man solche Unterschiede vielleicht schnell mit mutig oder ängstlich, robust oder empfindlich beschrieben. Heute interessiert mich viel mehr, was hinter dem Verhalten eines Kindes steckt. Denn dass ein Kind zögert, bedeutet noch lange nicht, dass es sich nichts zutraut. Vielleicht nimmt es einfach mehr wahr. Vielleicht braucht es einen Moment länger, um eine Situation einzuschätzen. Möglicherweise hat es bereits eine Erfahrung gemacht, die gerade wieder lebendig wird.

Genau an solchen Stellen entscheidet unsere Haltung sehr viel mit.

Wenn ein Kind vor einem Baumstamm steht und nicht hinüberklettern möchte, können wir es ermuntern, ihm helfen, es warnen oder ihm sagen, dass das doch gar nicht schwierig sei. All das kann gut gemeint sein. Trotzdem lohnt es sich manchmal, einen Augenblick länger zu beobachten, bevor wir eingreifen. Vielleicht probiert das Kind gerade etwas ganz anderes aus, als wir denken. Vielleicht überprüft es seinen Mut, seinen Körper oder sein Vertrauen in die eigene Wahrnehmung.

Ich habe oft erlebt, dass Kinder einen solchen Schritt plötzlich ganz von selbst machen, wenn man ihnen nicht zu schnell hilft. Sie stehen erst eine Weile da, schauen, gehen vielleicht wieder ein Stück zurück und kommen später noch einmal. Wenn sie dann hinüberklettern, gehört diese Erfahrung wirklich ihnen. Wenn wir ihnen zu früh helfen, nehmen wir ihnen diese Erfahrung.

Solche Momente sind für mich ein wichtiger Teil von Naturverbundenheit.

Kinder entwickeln keine Beziehung zur Natur, weil wir ihnen möglichst viele Baumarten erklären oder ihnen sagen, warum Wälder wichtig sind. Wissen gehört natürlich dazu und kann später viel vertiefen, aber die eigentliche Verbindung entsteht aus meiner Sicht durch Erfahrungen. Ein Kind muss den Wald erleben dürfen und dabei herausfinden, wie es selbst darin sein kann.

Das kann bedeuten, barfuß durch Matsch zu laufen und sich darüber zu freuen. Es kann aber genauso bedeuten, Matsch unangenehm zu finden und erst einmal nur mit einem Stock darin herumzustochern. Beides ist Erfahrung. Entscheidend ist, ob das Kind den Raum bekommt, seinen eigenen Zugang zu finden.

Gerade sensible Kinder haben mir dabei viel gezeigt. Manche von ihnen reagieren auf Dinge, die andere Kinder kaum bemerken. Ein unbekanntes Geräusch, ein kratziger Handschuh, nasse Kleidung, ein intensiver Geruch oder auch die Unruhe innerhalb der Gruppe können für sie eine große Rolle spielen. Wenn wir nur auf das sichtbare Verhalten schauen, wirkt eine Reaktion manchmal übertrieben. Wenn wir versuchen zu verstehen, wie dieses Kind die Situation möglicherweise erlebt, verändert sich unser Blick.

Dazu gehört auch, sich selbst genauer wahrzunehmen.

Denn wir Erwachsenen bringen immer unsere eigenen Erfahrungen mit in eine Situation. Wenn ein Kind hoch auf einen Baum klettert, freut sich der eine Erwachsene über den Mut des Kindes, während beim nächsten sofort die Sorge auftaucht, dass etwas passieren könnte. Manche von uns wurden selbst stark beschützt, andere mussten früh allein zurechtkommen. Solche Erfahrungen verschwinden nicht einfach, wenn wir später mit Kindern arbeiten. Wir haben diese Erfahrungen als Schlüssel in unserem Rucksack. Sie beeinflussen, was wir für gefährlich halten, wo wir eingreifen und was wir einem Kind zutrauen.

Ich spreche in meiner Arbeit gern von diesem Rucksack. In ihm sammeln sich viele Erfahrungen aus unserem eigenen Leben, und manche davon werden genau dann spürbar, wenn ein Kind etwas tut, das uns berührt, nervös macht oder herausfordert.

Der Wald bietet dafür erstaunlich viele Situationen.

Ein Kind läuft voraus. Eines bleibt zurück. Ein anderes will etwas anfassen, das uns unangenehm ist. Jemand möchte höher klettern, als wir es gut finden. Ein Kind möchte bei einer Wanderung nicht weitergehen. Immer wieder stehen wir vor der Frage, ob wir gerade auf das reagieren, was das Kind tatsächlich braucht, oder ob ein Teil unserer Reaktion mit unserer eigenen Geschichte zu tun hat.

Diese Frage finde ich inzwischen spannender als die Suche nach der richtigen pädagogischen Methode.

Denn Kinder brauchen nicht in jeder Situation dieselbe Antwort. Manchmal benötigen sie Schutz, manchmal Ermutigung, manchmal eine klare Grenze und manchmal einfach Zeit. Wenn wir genauer wahrnehmen, können wir viel eher erkennen, was gerade hilfreich sein könnte.

Aus solchen Erfahrungen entstehen die Schlüsselmomente, mit denen ich mich seit einigen Jahren intensiv beschäftige.

Ein Schlüsselmoment muss nichts Großes sein. Oft wissen wir als Erwachsene später nicht einmal mehr, dass es ihn gegeben hat. Für ein Kind kann sich trotzdem etwas festsetzen. Vielleicht erlebt es, dass jemand ihm etwas zutraut. Vielleicht merkt es, dass seine Angst ernst genommen wird, ohne dass sie größer gemacht wird. Vielleicht erfährt es, dass es Fehler machen darf oder jemand da ist, wenn etwas nicht gelingt.

Viele dieser Erfahrungen formen nach und nach das Bild, das ein Kind von sich selbst entwickelt. Es entdeckt, was es kann, wie es mit Unsicherheit umgeht, wann es Hilfe braucht und wie es sich in der Welt bewegt.

Der Wald ist dafür ein wunderbarer Erfahrungsraum, weil dort vieles nicht fertig vorbereitet ist. Ein Ast kann Werkzeug, Spielzeug oder Hindernis sein. Ein Hang kann zum Abenteuer werden, eine Pfütze zum Forschungsfeld und ein alter Baumstamm zu etwas, das ein Kind über Wochen hinweg immer wieder herausfordert. Kinder können dort ausprobieren, scheitern, neu beginnen und eigene Lösungen finden.

Vielleicht liegt genau darin eine der besonderen Qualitäten von Naturpädagogik. Wir müssen nicht ständig etwas herstellen, damit Lernen stattfinden kann. Sehr vieles ist bereits da. Unsere Aufgabe besteht häufig eher darin, wahrzunehmen, wann wir gebraucht werden und wann wir einen Schritt zurücktreten können.

Mit diesen Gedanken beschäftige ich mich auch in meinem Workshop auf der 27. Fachtagung am 26. und 27. September 2026 in Duderstadt. Der Workshop trägt den Titel "Naturverbundenheit beginnt mit innerer Haltung – Wege für Kinder, Eltern und Fachkräfte".

Mir geht es dabei nicht darum, eine weitere Methode der Naturpädagogik vorzustellen. Ich möchte gemeinsam mit den Teilnehmern genauer hinschauen, wie Kinder Natur erleben und welchen Einfluss unsere eigene Haltung darauf hat. Wenn es möglich ist, werden wir dafür auch in den Wald gehen, selbst wahrnehmen, beobachten und anschließend typische Situationen aus dem Alltag im Waldkindergarten betrachten.

Mich interessiert dabei besonders die Frage, wie wir Kindern Erfahrungen ermöglichen können, die sie stärken, ohne ihnen diese Erfahrungen abzunehmen. Gerade im Wald zeigt sich sehr deutlich, wie viel Vertrauen wir Kindern geben und wie schnell wir manchmal eingreifen, weil wir eine Situation anders bewerten als sie.

Vielleicht nehmen wir uns im pädagogischen Alltag manchmal zu wenig Zeit für solche kleinen Augenblicke. Dabei sind es häufig genau diese Momente, die lange wirken.

Ein Kind, das erlebt, dass seine Wahrnehmung ernst genommen wird, nimmt etwas davon mit. Ein Kind, dem zugetraut wird, eine eigene Lösung zu finden, ebenfalls. Und auch die Erfahrung, dass jemand da ist, wenn etwas nicht gelingt, kann Sicherheit geben.

Für mich beginnt Naturverbundenheit deshalb tatsächlich mit innerer Haltung. Sie entsteht dort, wo wir Kindern nicht nur den Wald zeigen, sondern ihnen ermöglichen, sich selbst darin zu erleben. Und manchmal reicht dafür schon ein Erwachsener, der nicht sofort weitergeht, sondern für einen Moment mit stehen bleibt und schaut, was gerade passiert.

Es kann sein, dass daraus ein Schlüsselmoment entsteht, der bleibt.

Vielleicht sehen wir uns ja dort?

Hier geht es zum Bundesverband der Natur- und Waldkindergärten.