Hast du auch schwarze Pädagogik in den Genen?

Kennst du Sprüche wie diese?
"Lass dein Kind ruhig schreien …, das kräftigt die Lungen!"
"Erziehung ist ein Kampf, bei dem du die Oberhand behalten musst, sonst tut es dein Kind …".
"Nur ein Kind, das gehorcht, ist ein gutes Kind …".
"Mama ist ganz traurig, wenn du das jetzt nicht machst …".
"Du bist schuld, dass Mama jetzt so wütend ist!".
Wenn du jetzt denkst:
Na ja, das war halt früher so normal, dann bist du auf dem Holzweg.
Es gab schon immer liebevolle Mütter und Väter.
Und ja, es gab auch immer grausame Eltern.
Doch viele dieser Sprüche und die Haltung der sogenannten "kalten Mutter" stammen aus einer Zeit, die wir Drittes Reich nennen.
In dieser Zeit erschien ein Buch mit dem Titel "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind" von Johanna Haarer.
Aus diesem Buch stammen diese Sprüche – und noch viele mehr.
Bei ihr geht es vor allem darum, das Kind zu reinigen, nach der Uhr zu füttern und es ansonsten sich selbst zu überlassen.
Fürsorge? Fehlanzeige.
Parallel dazu gab es deutschlandweite Kampagnen und sogenannte Mütterschulen, in denen genau diese Haltung einer ganzen Generation junger Mütter vermittelt wurde.
Erschreckend ist für mich, dass es später kaum eine wirkliche Aufarbeitung gab.
Auch nach dem Krieg wurden diese als "wissenschaftlich korrekt" angesehenen Anweisungen noch befolgt.
In der DDR erschien zum Beispiel ein Buch mit dem Titel "Kleine Enzyklopädie – Die Frau", das ähnliche Grundsätze vertritt.
Meine Eltern hatten drei Bücher im Wohnzimmerschrank stehen.
Das war eines davon.
Selbst in einem noch heute erhältlichen Bestseller, "Jedes Kind kann schlafen lernen" von Kast-Zahn und Morgenroth, tauchen Ratschläge auf, die sehr stark an die Haarer-Bücher erinnern.
Gut ist, dass es auch Menschen gibt, die sich mit der Aufarbeitung dieser Erziehung beschäftigt haben.
Leider ist davon in der breiten Öffentlichkeit noch immer viel zu wenig angekommen.
Eine bindungsarme Erziehung des Nachwuchses kann nützlich sein, wenn man Soldaten braucht.
Wer sich ein wenig mit Entwicklungspsychologie beschäftigt hat, weiß, dass solche Methoden häufig zu Gefühlskälte und zu Schwierigkeiten im sozialen Verhalten führen können.
Ich war entsetzt, als ich diese Zusammenhänge erkannt habe.
Und noch mehr hat mich erschreckt, dass diese Sätze bis heute weitergegeben werden – von der Mutter an die Tochter – als Anleitung dafür, wie man es "richtig" macht.
Man nennt das soziale Vererbung.
Zum Glück haben sich nicht alle Mütter daran gehalten.
Wenn eine Mutter sich nach ihrem Herzen richtet, kann sie gar nicht so viel falsch machen.
Doch viele Mütter sind unsicher und greifen deshalb auch zu fragwürdigen Ratschlägen.
Dann lassen sie ihr Kind schreien, obwohl es ihnen das Herz zerreißt.
Kinder haben Hunger, wenn sie Hunger haben, und nicht alle 120 Minuten.
Sie haben dieses Zeitgefühl noch gar nicht. Wenn sie schreien, haben sie ein Bedürfnis.
Und wenn sie die lebensnotwendige körperliche Zuwendung nicht bekommen, wird ihr Urvertrauen Schaden nehmen.
Die Grundlage für eine unsichere Persönlichkeit ist gelegt.
In meinen Coachings begegne ich immer wieder Menschen, denen genau dieses Urvertrauen fehlt.
Mangelndes Selbstbewusstsein, kompensiert durch Leistungsstreben und Perfektionismus, später Depressionen oder Burnout, das sind keine seltenen Folgen.
Tu deinem Kind so etwas nicht an.
Höre nicht auf solche unmenschlichen Regeln.
Und wenn du selbst so erzogen wurdest, dann kümmere dich um die Heilung deiner verletzten Seele.
Der Rucksack, den wir aus unserer Kindheit mitbringen, muss nicht an unsere Kinder weitergegeben werden.
Du darfst ihn auspacken, du darfst verstehen, was dich geprägt hat, und du darfst dich entscheiden, heute anders mit deinem Kind umzugehen.
Höre auf dein Herz.
Wenn sich etwas falsch anfühlt, ist es das meist auch.
Und vielleicht entsteht genau in diesem Moment etwas Neues, ein Moment, in dem ein Kind spürt
"Ich werde gesehen."
Ein Moment, der zu einem Schlüsselmoment werden kann.